Verkehrsszenarien für eine lebenswerte Altstadt – „ein falsches Signal“?

Niemand will die „Sperrung der Altstadt“ – aber auch keine Denkverbote

In der Offenbach Post vom Freitag, 14. September erschien nahezu eine halbe Themenseite zur angeblichen „Sperrung der Seligenstädter Altstadt“. Die Kernaussage der Berichterstattung lautet, die „Sperrung der Altstadt sei ein völlig falsches Signal“, an anderer Stelle wird eine „fatale Entwicklung“ beschworen. Die Darstellungen sind so gravierend falsch, dass sie nicht unwidersprochen bleiben dürfen. Hintergrund der aktuellen Situation sind die wahrhaft chaotischen Zustände, die an Wochenendtagen mit schönem Wetter im Bereich rund um die Fähre, vor der Basilika und am Freihofplatz eintreten. Hier mischt sich ein mehr als reger Ausflugsverkehr zu Fuß flanierend, aber auch joggend oder den Hund gassiführend, per Fahrrad oder Pedelec, per Inliner, per Rollator, mit Kinderwagen, per Rollstuhl, per Motorrad und per Auto auf engsten Raum. Dazwischen fahren Brautpaare auch im Vierspänner. Da, wo der dichteste Flanierverkehr stattfindet, nämlich am beliebten Mainufer, führt außerdem einer der schönsten und bekanntesten Fernradwege, der Rhein-Main-Donau-Radweg vorbei. Hier schlecken Fußgänger und Cabriofahrer Eis, es werden Parkplätze gesucht und zumeist nicht gefunden, und glücklich sind die vielen Besucher von der anderen Mainseite, die ihr Auto in teils kilometerlangen Reihen an den Zufahrtsstraßen im Bayerischen parken und zu Fuß über die Fähre nach Seligenstadt kommen. Alle diese Besucher sieht man gern und jeder Seligenstädter freut sich, wenn was los ist auf der Gass. Niemand will sie verjagen und eine Verödung der Innenstadt ist das Letzte, was von wem auch immer gewünscht wird. Im Gegenteil, jeder freut sich über die vielen Gäste, die sich hier wohlfühlen, hier einkaufen, essen und trinken und auch übernachten. Niemand kann aber die Risiken übersehen, die damit verbunden sind, wenn zu dem oben geschilderten extremen Flanierverkehr auch noch Kraftfahrzeuge, Wohnmobile, Lastwagen oder gar Omnibusse hinzukommen. Hierüber machten sich die Seligenstädter Stadtoberen leider jahrelang keine Gedanken. Erst in diesem Jahr kamen wohl aus den Reihen der CDU zutreffende Bedenken, dass das Chaos am Main an schönen Wochenendtagen wahrlich kein Aushängeschild für unser Seligenstadt ist, und man begann, sich Gedanken zu machen. Dass die Grünen dies begrüssten, kann nachvollzogen werden. Der Verein Lebenswerte Seligenstädter Altstadt, der sich um Belange der Altstadtbewohner in vielerlei Hinsicht kümmert (Verkehr, Feste, Stadtbildverschönerung zum Beispiel durch den Osterbrunnen, Sanierung von Fachwerkhäusern u.v.a.m.), fordert schon seit Langem, die Verkehrssituation insbesondere an neuralgischen Punkten zu überdenken. Es ist daher gut, wenn man sich über den Verkehr dort, wo er sich am Wochenende am meisten ballt, Gedanken macht. Daher die Initiative, den Verkehr zu befragen. Eine blosse Verkehrszählung ist nicht sinnvoll, bei schönem Wetter braucht man nicht zu zählen, um zu erfahren, dass es viele sind; das sieht man auf den ersten Blick. Untersucht werden soll etwas anderes, nämlich was unsere Besucher vorhaben, woher sie kommen und wohin sie wollen, womit sie gekommen sind, wie lange sie hierbleiben, warum sie nicht das eine oder das andere Parkdeck benutzen. Natürlich kann man einwenden, es wäre ausreichend und vor allem billiger, sich selber Gedanken über die Motive unserer Besucher zu machen. Ob die Meinung des Einen dann aber vom Andern akzeptiert wird, ist eher zu bezweifeln. Warum also nicht einfach einmal objektiv ermitteln, was die Besucher hier vorhaben. Das sollte ausgewertet werden. Also: erst gucken, dann denken, dann erst reden und handeln und nicht umgekehrt. Mehr als ärgerlich ist es allerdings, wenn in der Berichterstattung vom 14. September 2012 nicht von der Suche nach angemessenen Lösungen berichtet wird, sondern wie mit einer Keule auf eine Planung, die überhaupt niemand vor hat, eingeschlagen wird. Es wird suggeriert, geplant sei eine zeitlich und örtlich vollständige Sperrung der gesamten Altstadt über das gesamte Wochenende einschließlich der Aschaffenburger Straße, der Frankfurter Straße und sogar der Bahnhofstraße. Das ist weder angedacht, geschweige denn geplant. Damit wird Besuchern und Geschäftsinhabern nur Angst eingejagt mit der Beschwörung einer verödeten Innenstadt, in der sich nur noch Spielhöllen und Internetcafés halten könnten.Niemand beabsichtigt die komplette Sperrung der Altstadt für den gesamten Autoverkehr. Man macht sich nur Gedanken über besonders kritische Orte zu bestimmten kritischen Zeiten. Ob dies beispielsweise eine Sperrung einer einzigen Straße für Kraftfahrzeuge (Freihofplatz oder aber Große Maingasse, beides oder aber nur ein Teil davon) für bestimmte Tage, an bestimmten Uhrzeiten, nur bei bestimmten Wetter- und damit Besucherlagen ist oder ob etwas ganz anderes sinnvoll ist, wird sich dann in einer Diskussion unter allen Beteiligten herausstellen. Bestimmt sind weder Geschäfte noch Gottesdienstbesucher beeinträchtigt, wenn samstags und oder sonntags beispielsweise ab 13 Uhr der Korso rund um den Freihofplatz nicht mehr möglich ist; Spielhöllen und Internetcafes werden sich deswegen auch nicht ansiedeln. Das Nachdenken über derartige Lösungen ist kein falsches Signal, sondern vernünftig. Ein Nachdenken über allseits bekannte Missstände wird mit der Unterstellung eines schlicht und einfach Falschem nur verteufelt. Solchen Denkverboten muss mit aller Kraft widersprochen werden.

Harald Teubner, Seligenstadt