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Sanierungsbericht Aschaffenburger Straße 93

Im Folgenden erzählen wir, katja und Harald Teubner, die Sanierungsgeschichte unseres Hauses in der Aschaffenburger Straße 93 in Seligenstadt:

Der Erwerb

Als Bauherren hatten wir bereits von 2004 bis 2006 ein denkmalgeschütztes Fachwerkhaus im Herzen der Altstadt Seligenstadts saniert, in dem wir seither wohnen. Wir haben damit nicht nur gute, vielseitige Erfahrungen gemacht, sondern Fachwerkhäuser, Denkmalschutz und das Wohnen in der lebenswerten Seligenstädter Altstadt kennen- und lieben gelernt. So kam bei uns beiden immer wieder mal der Gedanke auf, sich noch einmal einer Fachwerk-Herausforderungen anzunehmen.

Das schon lange unbewohnte Haus Aschaffenburger Straße 93 schauten wir uns eigentlich nur mal kurz aus allgemeiner Neugierde an und dann kamen wir ins Grübeln: ob wir noch einmal...? Die damaligen Eigentümer waren nicht mehr die Jüngsten, aber es war das Elternhaus, da fällt die Trennung nicht leicht. Da jedoch die nächste Generation nicht interessiert war und wir mit unserer ersten Sanierung am Ort zeigen konnten, wie unsere Herangehensweise auch hier sein würde und was wir zu leisten im Stande sind, erhielten wir den Zuschlag. Wir freuen uns, dass die in der Nähe lebenden früheren Eigentümer während der Bauzeit immer wieder reinschauten, bei der Einweihung dabei waren und, so haben sie es uns jedenfalls versichert, mit dem Ergebnis sehr zufrieden sind.

Hätten wir bei der allerersten und einzigen Besichtigung vor dem Kauf Ende 2018 doch nur nicht aus dem Fenster geschaut! Das Haus hat nämlich einen wunderschönen riesigen barocken Vorgarten, aufwendig gepflegt und gärtnerisch gestaltet – kostenlos von der Verwaltung Staatlicher Schlösser und Gärten Hessen: der Blick aus dem ersten Obergeschoss geht nämlich in den Seligenstädter Klostergarten. Die Entscheidung für den Kauf und damit für Arbeit für mehrere Jahre war danach eine Sache von Minuten: ja, wir machen es noch einmal. Unterm Strich die beste Entscheidung, denn bald kam die Pandemie und brachte das ganze soziale Leben so gut wie zum Erliegen – zum Wohl unserer Baustelle; wir jedenfalls hatten über die gesamte Corona-Zeit keine Langeweile.

Der Plan

Fest stand, wie schon bei unserem ersten mit viel Eigenleistung saniertem Fachwerkhaus: Denkmalschutz hat Priorität. Wir gestalten und sanieren mit und nicht gegen den Denkmalschutz.. Nur natürliche, gesunde und nachhaltige Baustoffe kommen in die engere Wahl. Wo jahrzehntelang Leerstand war, sollte moderner, hochwertiger, aber nachhaltiger Wohnraum entstehen. Lehm und Lehmputz und Holz sind nachhaltig, CO2-neutral und sorgen für ein fantastisches Raum- und Wohnklima.

Das Haus und die Sanierung 2019 bis 2021

Das südlich der Aschaffenburger Straße gelegene Grundstück ist straßenseitig bebaut mit einem zweigeschossigem traufständigem Fachwerkwohnhaus mit nicht ausgebautem Dachgeschoss. Das als Einzeldenkmal ausgewiesene Haus stammt nach der Denkmaltopografie des Kreises Offenbach vermutlich aus dem frühen 18. Jahrhundert, unseres Erachtens eher aus dem 17. Jahrhundert. Es stand beim Erwerb seit ca. 20 Jahren leer.

Das Schmuckfachwerk der Straßenfassade, die recht hohen Räume, das solide in Eiche sorgfältig abgebundene Fachwerk, die Lage an der repräsentativen Geleitstrasse kurz vor dem früheren Obertor und die für Landwirtschaft völlig ungenügende Scheune mit kleinem Stall lassen den Schluss zu, dass es sich um ein typisches Ackerbürgerhaus handelt. Die Landwirtschaft diente lediglich der Sicherung der Ernährung, war aber nicht der eigentliche Erwerbszweck der Bewohner.

Vorgefunden haben wir im Erdgeschoss als große Besonderheit die aus der Bauzeit herrührende Herdwand der seinerzeit offenen Feuerstelle in Sandstein-Bruchmauerwerk. Diese ist zu großen Teilen noch heute im Original und mit vereinzelten Rußspuren erhalten, der Rauchabzug mit Esse durch die Lehmstakendecke ist allerdings heute nicht mehr vorhanden.

Im Obergeschoss waren vom bauzeitlichen Rauchabzug Rußspuren sichtbar. Dort machten wir auch eine interessante Entdeckung: das Fachwerk der Trennwand zwischen großem und kleinem Raum weist überraschenderweise auf eine bevorzugte Stellung des kleineren Raumes hin; denn hier ist das Fachwerk deutlich erkennbar sorgfältig abgebunden (Bundwand), auf der Seite zum großen Raum aber nicht. Die Nutzung dieses möglicherweise mit Kohleschalen und nicht mit Rauch aus dem offenen Herd im Erdgeschoss beheizten kleinen Raums als Schreibstube eines Kaufmannes o.ä. liegt daher nahe. Heute würde man dagegen den großen Raum als höherwertig betrachten.

Der Schornstein ist in Ziegelmauerwerk nachträglich, vermutlich Mitte des 18. Jahrhunderts, mit einer Handbreite Abstand seitlich hinter die Bruchstein-Herdwand gesetzt.

Ein Keller, der etwa zwei Drittel der Grundfläche in Südosten des Hauses einnimmt, ist in einer quer zur Aschaffenburger Straße ausgerichteten Rundtonne aus Bruchsteinen errichtet und vom Hausinneren aus erreichbar.

Rückwärtig, das Grundstück in seiner Tiefe begrenzend, findet sich eine gut erhaltene Ziegel-Scheune von ca. 1910. Nach einem Brand in diesem Quartier im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts brannte u.a. die damalige Scheune ab; diese wurde in Ziegelbauweise erneuert. Dieser in seiner Struktur typische Scheunenbau mit Ziegelfußboden, der abgetrennte Stall mit Sandsteintrog als frühere Futterstätte mit Sandsteinkiesel-Boden, zeigt sich mit mächtigem Holztor noch heute vollständig im Original erhalten; selbst der im First der Scheune angeschlagene Seilzug ist vorhanden – nur das Hanfseil war aus der Rolle gesprungen.

Zwischen beiden Gebäuden findet sich ein ursprünglich mit Betonsteinpflaster komplett versiegelter Hof.

Damit auch beladene Heuwagen von der Einfahrt des Nachbargrundstückes in die Scheune einschwenken konnten, wurde eines vergangenen Tages kurzerhand die Rückwand des Fachwerkhauses abgerissen und in Ziegelmauerwerk erneuert und die Hausecke dabei abgeschrägt, um leichter einfahren zu können. Statisch mehr als abenteuerlich, beim Erwerb gab es gar keinen Verbund zwischen Haus und Rückwand mehr. Auch damit gab es für den Zimmermann viel zu tun, denn nicht nur abgängige Fachwerkbalken und Schwelle mussten repariert werden, sondern die gesamte Rückwand wurde in Holzständerbauweise mit Zellulose-Ausblasung als Wärmedämmung erneuert.

Alle technischen Gewerke wurden von Fachhandwerkern (Zimmermann, Maurer, Schornsteinbauer, Estrichleger, Verputzer, Sanitär- und Heizungsinstallateur, Elektriker, Schreiner, Dielenleger, Treppenbauer, Fliesenleger und Maler) vorgenommen. Als Eigenleistung blieb jedoch während der gesamten Bauzeit noch mehr als genug zu tun: zuerst wurde tonnenweise Alt-Material (Fußbodenbelag, Beton, Fliesen, Altholz von Böden, Trennwänden, Türen und Fenstern) das im Lauf der Jahrhunderte eingebracht wurde, entfernt. Lehm und Strohlehm wurde konsequent separiert, aufbereitet und wiederverwendet; daraus eine innere Vorsatzschale zur Schall- und Wärmedämmung errichtet und beschädigte bzw. nicht vorhandene Deckengefache repariert. Schadhafte Gefachausmauerungen und solche die wegen erforderlicher Balkenreparatur herausgenommen werden mussten, wurden mit ungebrannten Lehmsteinen und Lehmmörtel neu erstellt – für das Wohnklima sorgt also nicht nur der darüber aufgetragene mehrlagige Lehmputz, sondern solide Lehmwände und -decken. Alle Balken wurden vollflächig gebürstet und mehrfach mit Leinöl gestrichen. Das Sichtfachwerk der straßenseitigen Fassade wurde ebenso mit Leinöl „ochsenblut“ (Eisenoxydrot) mehrfach behandelt und das Holz nicht etwa, wie leider häufig zu sehen, hinter einer Acrylfarbschicht zum Schwitzen verurteilt.

Zwei gut erhaltene Lehmgefache aus der Bauzeit wurden nicht verputz, sondern gesäubert und fixiert. So sind sie heute ein Fenster in knapp 400 Jahre Vergangenheit.

Die Giebelwand zum Nachbarhof Aschaffenburger Straße 91 war ursprünglich mit Schiefer verkleidet. Die schadhaften Schindeln wurden einschließlich der ebenfalls schadhaften Bohlenlage abgenommen. Es entstand eine neue Lärchenverbretterung auf Unterkonstruktion für eine komplette Dämmebene mit Zellulose-Ausblasung. Diese Konstruktionsstärke war möglich, da der Grundstücksgrenzverlauf sich für eine Außendämmung anbot. Nur dadurch konnten wir in allen Zimmern innen Sichtfachwerk realisieren und das Fachwerkambiente vielfältig erlebbar machen.

So wurde auch das nun ausgebaute Dachgeschoss zwischen den Sparren ebenfalls mit einer Zelluloseausblasung gedämmt, plus einer Aufsparrendämmung und inneren Ebene aus Holzfaserplatte, damit auch der sommerliche Wärmeschutz sehr gut gewährleistet ist. Insgesamt eine sehr umfangreiche Wärmedämmung – alles aus nachwachsenden oder recycelten Rohstoffen. In die neue Dachdeckung wurden dabei hinten und vorne jeweils zwei Gauben errichtet und in die Dämmebenen integriert. Mit den Giebelfenster ergibt sich ein großzügig sehr licht- und luftdurchfluteter attraktiver Dachraum.

Fazit

Das Haus hat in seinen letzten knapp 400 Jahren sicher einiges ausgehalten und auch wir haben es mächtig angepackt: nach drei Jahren mit viel Arbeit, die uns sehr erfüllt hat, sind wir nun zufrieden mit unserem Ergebnis. Aus dem nicht mehr zu Wohnzwecken geeignetem Haus haben wir ein Kleinod geschaffen, so wie wir es der altehrwürdigen Substanz gegenüber für geboten halten. An diesem schönen Ort in der Seligenstädter Altstadt einen solchen attraktiven Wohnraum geschaffen und damit das Stadtbild bereichert zu haben ist für uns ein wichtiger Beitrag für die Zukunft. Uns hat es viel Freude gemacht. Möge es seinen künftigen Bewohnern dort wohlergehen.

Seligenstadt, im März 2022
Katja und Harald Teubner